
Wahrnehmung von Realität kann schmerzhaft sein und die Fragilität des Augenblicks bewusst machen. Marcel Scheibles (*1974, Basel) neue Arbeiten umkreisen solche Momente. Der Ausstellungstitel <Strewn with cutting flints> - übersät mit scharfen Kieseln - erzählt davon. Das Zitat stammt aus einem literarischen Reisebericht von Robert Louis Stevenson durch die französischen Cevennen und illustriert leitmotivisch die Suche des Künstlers. In Objekten, Grafiken, einem Video und Fotografien wird dieser Prozess sichtbar. Ein Stolpern über belanglose Dinge am Boden lässt Abgründe aufscheinen. Die Kamera fängt die gleichförmige Anordnung von Waschbetonplatten ein. Eine tanzt aus der Reihe, sie ist fragmentiert und gibt den Blick auf das darunterliegende Innenleben frei. Unscheinbares wird sichtbar und erzählt von der trügerischen Beständigkeit der Welt. Was wirkt einsamer als ein verlassenes Kinderkarussell? Auch wenn sich darüber die <Securite sociale>, 2016, ankündigt, spricht die Fotografie von vorstädtischer Tristesse und Verlorenheit. Acht Lichtbilder, <Gold und Silber>, 2017, zeigen mittig geteilte, goldene und silberne Rechtecke. Hinter dem Blendwerk steckt ein aktueller Zeitbezug - es sind Schutzfolien, zum Bergen und Wärmen von Menschen.
Ausstellungshinweis von Iris Kretschmar | Kunstbulletin 5/2017


























Auf den Displays von Smartphones bedeuten Risse und Splitter nichts Gutes: Man kann darauf nicht mehr viel erkennen, in ihrer eigentlichen Funktion sind sie nicht mehr nutzbar. Indem Scheible die Displays direkt als ‹Druckstöcke›verwendet, macht er in der Serie «status report» die masstabsgetreuen Abbildungen des realen, nun wertlosgewordenen, Objekts sichtbar.
Das deutliche Bild der Zerstörung durch den Sturz auf den Boden ist unwiderruUich in Form von netzartigen Strukturen, einer Zeichnung gleich, in die Oberfläche eingeschrieben. Durch die Sprünge im Glas würden – wenn überhaupt – nur noch verzerrte Abbilder der Realität auf dem Display erscheinen. Damit weisen sie subtil auf eine Thematik von vermittelter Wahrnehmung hin und auf die Macht des Fotografen über den späteren Betrachter, seinen Blick zu lenken, zu schärfen oder auszuschliessen.
aus dem Katalogtext «strewn with cutting flints» von Jennifer Trauschke





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